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Neutralität zu Lande und zu Wasser

Gemälde - SeenotGedemütigt durch den Konkurs und aus Genf verstossen, beschäftigte sich Henry Dunant in seiner Zeit in Paris trotzdem mit zahlreichen Projekten. Er setzte sich dafür ein, dass die Neutralität der Sanitäter nicht nur zu Lande, sondern auch auf dem Wasser und für Lazarettschiffe galt. Heute ist es klar, dass die Rotkreuzgrundsätze in den 186 Signatarstaaten überall Geltung haben - ob zu Lande (Genfer Abkommen I, 1949) oder zu Wasser (Genfer Abkommen II, 1949).

 


Gefangenenhilfe

GefangenenhilfeEbenfalls in der Pariser Zeit verlangte Dunant, dass den Rotkreuzkomitees durch einen zusätzlichen Artikel der Genfer Konvention das Recht eingeräumt wird, "sich um die Kriegsgefangenen zu kümmern, für ihre Heimschaffung zu sorgen, das Erforderliche zu veranlassen, was sie zur Erhaltung ihrer Gesundheit brauchen hinsichtlich der Ernährung, der Kleidung und der Unterkunft, und dafür zu sorgen, dass die Gefangenen mit ihren Familien Briefe wechseln können". Im Februar 1874 wurde Henry Dunant zum Internationalen Sekretär der Gesellschaft für die Verbesserung der Bedingungen der Kriegsgefangenen ernannt.

Genfer Konventionen 1878Die Forderung Dunants wurde 19 Jahre nach seinem Tode durch die Genfer Konventionen von 1929 erfüllt.

Heute im Genfer Abkommen III von 1949 geregelt.

 


Weltgesundheitsorganisation (WHO)

ForschungHenry Dunant gab den Anstoss dazu, die Krankheitsforschung voranzutreiben, und zwar sollte dies weltweit und zum Vorteil aller Menschen geschehen.

Logo WHO

Die Weltgesundheits-organisation (WHO) der UNO stellt die betreffende Organisation in Dunants Sinn dar. Sie hat seit dem Zweiten Weltkrieg in allen Erdteilen, besonders für die Entwicklungsländer, grosse, und erfolgreiche Forschung- und Aufklärungsarbeit geleistet.

 


Schutz der Arbeiterschaft

Karte - ArbeiterschaftHenry Dunant setzte sich sehr mit dem Befreiungskampf der Sklaven in Nordamerika und dem Schutz der Arbeiterschaft auseinander. Es war ihm ein grosses Anliegen, "dass ohne grosse Umwälzungen die wirtschaftliche und sozialen Versklavung allmählich abgeschafft wird."

1948 stellte das Internationale Arbeitsamt in Genf Grundsätze für die Besserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft auf, die in allen Erdteilen wirksam geworden sind.

 


Internationale Weltbibliothek

Weltbibliothek - WikipediaDunant schlug die Bildung einer internationalen Weltbibliothek vor. Er wollte damit erreichen, "dass alle Völker über das geistige und künstlerische Schaffen der anderen unterrichtet werden; die Völker lehren, einander besser zu verstehen, und wenn dies erfolgt ist, einander richtig zu beurteilen". Er hoffte, dass durch die Beseitigung von Vorurteilen Sympathien zwischen den Völkern entstehen würden und so der Friede erleichtert werden könnte. 1871 gründete Henry Dunant den "Weltbund für Ordnung und Bildung" und begann Verhandlungen über Autorenrechte zu führen.

Logo WikipediaDas Projekt versandete zu Dunants Zeiten wegen "Kleinstaaterei und Nationalismus", wie er selber formulierte. Viele Jahre später nahm die Unesco das "Ost-West-Programm" auf. Es dient dem besseren Verständnis der Kulturen und damit indirekt dem Frieden der Völker. Wikipedia könnte man als Projekt im Sinn Dunants bezeichnen.

 


Weltallianz für Ordnung und Zivilisation

Den HaagIn Paris erlebte Henry Dunant als Zeuge des Deutsch-Französischen Kriegs (1870/1871) und des Bürgerkriegs in Paris zum zweiten Mal die Kriegsschrecken.

Trotz seiner misslichen persönlichen Lage gründete er am 21. September 1870 zusammen mit einigen Freunden eine Gesellschaft, die Verbesserungen zum Nutzen der ganzen Menschheit schaffen sollte.

Als wichtigste Verbesserung wurde die Errichtung eines internationalen Schiedsgerichts angestrebt, dem alle Streitfragen vorgelegt werden könnten, die so ernst sind, dass sie zu einem grossen Krieg führen könnten.

Logo - Internationale Strafgerichtshof in Den HaagDie von Dunant vorgeschlagene Weltallianz war der Vorläufer der heutigen UNO und wurde durch sie Wirklichkeit. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag mit Befugnis für die "schwersten Verbrechen, welche die internationale Gemeinschaft als Ganzes betreffen" auf Basis des Rom-Statuts arbeitet seit 2003, wobei bereits seit 1921 ein internationales Schiedsgericht am selben Ort bestand.

 


Palästinafrage

Foto -  PalästinaIn der Zeit seiner grossen Not in Paris konnte Dunant Übersetzungsarbeiten für die "Tempelgesellschaft" machen (hervorgegangen aus der 1856 in Stuttgart gegründeten evangelischen Bewegung der "Jerusalemfreunde"). In diesem Zusammenhang gründete er die "Internationale Palästina-Gesellschaft". Als deren Präsident wollte er mit Hilfe der französischen Kaiserin Eugenie (Gattin Napoleons III.) europäischen Juden in Palästina Land zurückgeben.

Diese Vision erfüllte sich nicht im Sinn von Dunant. Zwar wurde den Juden am 29. November 1947 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen (heute UNO) in Westpalästina Land zugesprochen, was zur Gründung des Staats Israel führte. Der Nahostkonflikt ist hingegen bis heute immer noch ungelöst und einer der blutigsten, folgenschwersten der Welt.

 


Grünes Kreuz / Green Cross

Foto -  HospitalIm gemeinsamen Buch von Rudolf Müller und Henry Dunant, die "Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes und der Genfer Konvention" von 1895, erwähnte Dunant zum ersten Mal das   "Grüne Kreuz", das Heime, Hospitäler und Ambulanzen für Arbeiterinnen schaffen sollte, die finanzielle Unterstützung, einen Ort der Erholung oder medizinische Hilfe brauchten.

Logo Green CrossUm dieses Anliegen kümmerten sich wenig später Frauenorganisationen. In Berlin entstand um 1908 ein Hospiz für Frauen - häufig ausgebeutete Dienstangestellte -, die unehelich ein Kind gebaren und gesellschaftlich geächtet wurden. In der Schweiz wurde 1908 der Mütter- und Säuglingsverein Inselhof gegründet, anfangs mit ähnlichen Zielsetzungen. Dort konnten die jungen Mütter auch einer geregelten Arbeit nachgehen, während ihre Säuglinge betreut wurden.
Die Organisation "Green Cross" mit dem entsprechenden, grünen statt roten Emblem wurde 1992 von Michail Gorbatschow anlässlich einer UNO-Konferenz als sogenanntes "Rotes Kreuz der Umwelt" eingefordert. 1994 erfolgte die Gründung der ersten fünf nationalen Organisationen, darunter Green Cross Schweiz, USA und Russland. Green Cross soll bei Umweltkatastrophen weltweit rasch und unkompliziert helfen und sich für die Bewältigung der Folgeschäden aus Industrie- und Militärkatastrophen und die Sanierung von Altlasten aus der Zeit des Kalten Krieges einsetzen.

 


Gleichstellung der Frauen

Foto - FrauenrechteGenerell war Dunant die volle Gleichberechtigung der Frauen in rechtlicher Sicht und gleiche Entlöhnung von Männern und Frauen für dieselbe Arbeit ein grosses Anliegen. 1893 arbeitete er an der Durchführung eines Frauenkongresses in Zürich, der aber nicht zustande kam.

Das Anliegen wurde 1902 in Brüssel von anderer Seite erneut aufgenommen. Seit 1950 ist das Diskriminierungsverbot wegen des Geschlechts in der europäischen Menschenrechtskonvention festgeschrieben. Seit 1980 besteht auf dieser Basis das völkerrechtlich verbindliche "Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau" mit bislang 184 Signatarstaaten. Auch in der Schweiz bestehen teils immer noch Lohnunterschiede.

 


Die blutige Zukunft

In seinen letzten Lebensjahren füllte Dunant in seinem Zimmer in Bezirksspital 17 Hefte mit Zukunftsvisionen - Gedanken über die wirtschaftliche und politische Situation weltweit. Er sah die Zukunft düster und beschrieb eine von Kriegen und Krisen erschütterte Welt des 20. Jahrhunderts.

Dunant sah den Ersten Weltkrieg voraus (rund 20 Millionen Tote). Mit dem Zweiten Weltkrieg (55 bis 60 Millionen Tote), dem Koreakrieg  (4 Millionen), dem Vietnamkrieg (bis 3 Millionen) und dem ersten Golfkrieg (bis 1 Million), den Völkermorden an den Armeniern (1915), an den Juden (1939 bis 1945) und an den Tutsi in Ruanda (1994) und Massakern wie etwa dem von Srebrenica (1995) behielt Dunant Recht.

 


 

So ist leider die Erde nebst all dem Schönen bis ins 21. Jahrhundert hinein ein Ort des Grauens geblieben. Aber immerhin steht die Welt durch all die internationalen Abkommen, die zu einem beachtlichen Teil auf Dunant zurückgehen, besser da als noch vor hundert Jahren.

 

 

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